Problem Globale Distribution
Das Internet ist ein weltweites Phänomen, jedes Land ist mit dem World Wide Web verbunden. Durch dieses einzigartige Netzwerk entstand ein globaler Markt, wie er zuvor noch nie dagewesen ist. Inhalte können einfach, schnell und quasi kostenlos im Internet angeboten und vertrieben werden. Dies lässt die Film- und Videobranche auf starke Umsatzsteigerungen hoffen. Bis dato ist aber eher das Gegenteilige der Fall gewesen. Territoriale Lizenzmodelle, die in der herkömmlichen Distribution durchaus ihre Vorteile haben, erschweren auf dem globalen Internet-Videomarkt den Filmvertrieb. Der wesentliche Vorteil des herkömmlichen Vertriebsmodells liegt in der Möglichkeit für jeden Staat individuelle Verträge auszuhandeln. Das kann für den Rechteinhaber profitabler sein, als weltweite Lizenzen zu vergeben. Aber auch die Art der Herstellung kann das Lizenzmodell beeinflussen. Bei internationalen Koproduktionen werden die Lizenzen entsprechend der Koproduzenten und Financiers verteilt. Koproduzierende TV-Sender beanspruchen zudem die Onlinerechte für ihr Territorium.
Das System und der Aufbau des weltweiten Netzwerkes Internet hat die Welt zweifellos näher zusammengebracht. Nie zuvor war es möglich so schnell und einfach Informationen und immaterielle Güter über den ganzen Globus zu verteilen und auszutauschen. Die neuen Möglichkeiten des World Wide Web stoßen aber recht schnell auch an ihre Grenzen. Denn sobald Werke verbunden mit Urheberrechten gehandelt werden, wird man zwangsläufig mit dem Territorialprinzip konfrontiert, welches besagt, dass das jeweils gültige Recht des Landes, in dem die Nutzung stattfindet, angewendet werden muss. Hat der Produzent zum Beispiel die Verwertungsrechte an seinem Film für Europa erworben, nicht aber für den Rest der Welt, so kann der Film auch nur in Europa verwertet werden. Der Grundgedanke der Online-Distribution ist somit stark limitiert, der volle Vorteil kann nicht ausgenutzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass in jedem Land verschiedene Gesetze gelten können. Muss man nun für jedes einzelne Land die jeweiligen Rechte einholen, kann das schon die Produktion erschweren, in weiterer Folge auch den Vertrieb.
No- bis Low Budget-Filme können wiederum oft die ganze Bandbreite des Internets ausnutzen, da sie den Film komplett eigenproduziert und finanziert haben. Oft auch simpel aus dem Grund, weil sie den Film nicht anders finanzieren konnten. Der Geldmangel hat sie dann auch gezwungen auf bestimmte Lizenzen zu verzichten, bei der Filmmusik muss oft gespart werden. In einigen Fällen wird aber dennoch Musik eingesetzt, deren Rechte aber nicht geklärt wurden. Die Filmemacher besitzen zwar alle Verwertungsrechte an dem Film, nicht aber an der eingesetzten Musik. Dies macht, da das Internet selbstverständlich kein rechtsfreier Raum ist, eine Online-Verteilung unmöglich. Da aber der Großteil der „neuen Filmemacher“ diesen Aspekt nicht berücksichtigt, finden sich solche Beispiele in großer Menge im Internet, z.B. auf YouTube. Das Resultat: YouTube sperrt diese Videos, bis dahin generierte Einnahmen durch Werbebeteiligungsmodelle werden wieder eingezogen.
YouTube versucht jedoch mehr und mehr die Rechteinhaber, deren Rechte verletzt werden, an den Erlösen zu beteiligen, um so einer Klage zu entgehen und auch den Urhebern Einnahmen zu garantieren (siehe Geschäftsmodelle Werbung). Viele Rechteinhaber akzeptieren dieses Modell und können anstatt langwieriger Klagen Lizenzgelder lukrieren. Somit werden Gesetzesbrüche „toleriert“ und nicht verfolgt, vielmehr partizipiert man daran. Stellt sich dabei nicht die Sinnhaftigkeit des Gesetzes in Frage? Beispiele für das Lizenzproblem gibt es zuhauf. Immer mehr Videos auf YouTube können in bestimmten Ländern nicht abgespielt werden. Der Großteil des in den USA angebotenen Contents wie Hulu, NBC, iTunes ist in Europa nicht abrufbar.
Will man das volle Potential des globalen Online-Videomarkts nutzen, müssen die bestehenden Lizenzmodelle für den Online-Vertrieb überarbeitet werden, um tatsächlich eine einfache, weltweite und legale Verbreitung zu ermöglichen. Es ist weder für die Rechteinhaber noch für die Aggregatoren sinnvoll, wenn Kunden einen Service nutzen und jedes zweite Video nicht ansehen können. Der Effekt, der erreicht wird: Der genervte Kunde wird den Service nicht mehr nutzen.

Abbildung 65: Inhalte von Hulu können im Moment nur in den USA konsumiert werden.
Viele Firmen haben schon begonnen fehlende Rechte in ihrem Katalog nachzukaufen, um so einen lückenlosen Vertrieb zu ermöglichen. So meint Anthony Soohoo, Senior Vice President von CBS Interactive’s, Abteilung Entertainment and Lifestyle:
“Our goal is to make as much content available online as possible. We were able to get the international rights of these clips. At this point, we’re learning to walk before we can run.”[1]
Die Europäische Kommission hat 2008 das Thema der Multi-territorialen Lizenzen aufgegriffen und schlägt eine Neuorientierung vor. Kommissarin Viviane Reding argumentiert, dass überregionale Lizenzen notwendig sind, damit sich ein einheitlicher europäischer Markt entwickeln kann. Eine Studie der Metadata Image Library Exploitation (MILE) zum Thema Multi Territory Rights Licensing (MTRL) fasst die Debatte wie folgt zusammen:
“There are opposite opinions on an eventual EC recommendation for MTRL (both opposite opinions use the same arguments to sustain their positions – cultural diversity-). MTRL main limit is intrinsic: the recommendation should at the same time be general (fair) and user oriented (representative of cultural diversity and of different perception of the IPRs). Globalization is the most challenging driver: MTRL limited to European countries may stimulate piracy and generate jurisdiction conflicts or migration of copyrights towards countries which grant longer IP duration. Furthermore, MTRL could become obsolete proposing normative recommendations in a fast changing technology dependent domain and strongly market dependent. Although there is a strong demand for pan-European legislation, eventual MTRL could not be addressed nor limited to EU countries. The effects would limit the potential of European countries and the rising market potentials. More than Recommendations from the EC, some stakeholders are in favour of EC Directives or supporting the harmonization and improvement of existing international agreements.“[2]
[1] Lawler, Ryan (2009.02.24.) CBS’s TV.com Goes International. In: http://www.contentinople.com/author.asp?section_id=450&doc_id=172616 (Stand: 26.03.2009)
[2] Minelli, Sam H. (2008): Creative Content Online: Multi Territory Rights Licensing, the European Commission Regulatory Consultation, and the Orphan Work issues. In: http://www.mileproject.eu/asset_arena/document/LI/IPR_CEPIC_JUNE_2008_ORPHAN_WORKS_MULTI_TERRITORY_LICENSING_ALI.PDF (Stand: 24.04.2009)

